Glaubensaufsatz

Warum Menschen so gerne glauben und Wissenschaft besser ist als Religion

Lesung nach dem Atheisten Gunkl

Man würde es sich doch unzulässig leicht machen, würde man einfach feststellen, dass, wer etwas für wahr hält, was nicht nur nicht unsicher, sondern aberwitzig unwahrscheinlich und teilweise haarsträubend unlogisch ist, einfach blöd ist. Wir neigen dennoch mit allgemeiner Billigung zu dieser Ansicht, wenn der Akt des Für-wahr-Haltens von einem Einzelnen begangen wird. Jemandem, der einer fantastischen Figur mit widersprüchlichen Geschichten die Erfindung des Universums unterstellt, und der behauptet, diese Figur höre auf ihn und richte zum Beispiel das Wetter nach seinen Bedürfnissen. So jemandem würde man flugs eine deutliche kognitive Einschränkung attestieren und ihn gegebenenfalls unter Sachwalterschaft stellen.

Aber wenn dasselbe Verhalten von sehr vielen Menschen begangen wird und einen gewissen Organisationsgrad aufweist, dann muss man andere Gründe vermuten als nur eine – ebenfalls unwahrscheinliche – weltweite Individual-Imbezillität. Da sind Mechanismen am Werk, die komplizierter sind als einfache Blödheit. Da wird geglaubt.

Und das ist eben ein bisserl kompliziert. Zuerst einmal muss man sich anschauen, was „glauben“ überhaupt heißt. Nicht alles, was ohne unverrückbare Beweise so behandelt wird, als träfe es auch zu, wird geglaubt. Ein Argument, das religiös oder auch nur esoterisch Gläubige den Naturwissenschaften und ihrer trockenen Sicht auf die Welt gern einmal entgegenstemmen, ist, dass das, was da herausgefunden wird, „ja auch nur geglaubt wird“. (Da ist ja schon einmal lustig, wie kümmerlich Glauben als Behauptungsgrundlage auf einmal ist, wenn jemand etwas anderes glaubt als man selbst. Damit gibt man im Grunde aber uneingestanden die eigenen Glaubensinhalte zum rhetorischen Abschuss frei. Aber Glauben beinhaltet Mechanismen, die den Gläubigen vor diesem Eigentor bewahren …)

Wir benutzen „glauben“ und „annehmen“ zwar oft synonym, aber in der Wissenschaft wird nicht geglaubt, so wie Gläubige glauben, da wird angenommen, und das ist etwas anderes. Eine Annahme ist begründet, und zwar in Beobachtungen, und eine Annahme ist überprüfbar – und daher auch grundsätzlich widerlegbar. Wenn man einen dreitürigen Kasten aus dem vierten Stock vom Balkon schmeißt und der acht Minuten braucht, bis er unten ankommt, dann ist das, was wir annehmen, über die Schwerkraft zu wissen, falsch. Ist bis jetzt aber noch nicht passiert. Deshalb nehmen wir an, dass das, wovon wir bisher ausgehen, stimmt. So oder so – es ist in jedem Fall überprüfbar. Und wenn eine Überprüfung so ausfällt, dass sich die Annahme als falsch oder unvollständig erweist, dann wird diese entweder komplett verworfen oder korrigiert. Und zwar wirklich korrigiert.

Bei Geglaubtem ist das nicht so. Das, was geglaubt wird, wird entweder ohne Wissen oder gegen besseres Wissen geglaubt. Und die Behauptungen sind außerdem so schwammig, dass sie sowieso kaum überprüft werden können; ein gebrochener Arm bei einem Arschloch ist „die Strafe Gottes“, ein genauso gebrochener Arm bei einem lieben Menschen ist „Wen Gott liebt, den prüft er“. Und wenn sich eines Tages doch unwiderlegbar herausstellt, dass da Unsinn behauptet worden ist, dann wird das nicht korrigiert – dann wird bestenfalls umformuliert und in einem zuweisungsfreien Metaphernstatus herumgeschwindelt, damit man die eigenen Aussagen weiterhin aus dem überprüfbaren Wenn-dann-Parcours heraushalten kann.

Das Gegenteil davon ist es, was die Wissenschaft, die Naturwissenschaft vor allem, so erfolgreich macht: Es wird ständig überprüft, ob die Dinge so stimmen können. Und wenn sich herausstellt, dass etwas nicht stimmt, dann wird zur Kenntnis genommen, dass man offenbar nicht weiß, wie es funktioniert. Und dann wird nachgedacht und geforscht, bis man etwas findet, was zu dem passt, was man da neuerdings beobachtet hat.

Das Gegenteil von Wissen ist nicht Nichtwissen, das Gegenteil von Wissen ist Glauben. Nichtwissen ist der erste Schritt, sich neues Wissen anzueignen. Glauben ist der letzte Schritt, sich neuem Wissen zu verschließen.

Das spricht ja alles zunächst einmal sehr gegen das Glauben. Der Mensch ist evolutionsbedingt sehr davon abhängig, Dinge zu wissen. Von den ersten Schritten des aufrechten Ganges an waren wir einer Umwelt ausgesetzt, die uns in beinahe allen Belangen überlegen war; seien es klimatische Bedingungen oder auch Raubtiere, die uns jederzeit überwältigen können, oder Beutetiere, die sich uns durch Flucht entziehen können. Nur durch ein möglichst korrektes Erfassen der Wirkzusammenhänge und durch die Fähigkeit, daraus Schlüsse und Vorhersagen auf weitere Ereignisse zu ziehen, war es uns möglich, in einer solchen Welt zu bestehen.

Und unser Hirn versetzt uns nicht nur in die Lage, Abläufe vorherzusehen. Wir können Abläufe auch geplant selbst in Gang setzen. Wir Menschen haben zum Beispiel gelernt, Fallen herzustellen und sie dann an Orten zu platzieren, von denen wir wussten, dass sich dort ein bestimmtes Tier mit bestimmten Vorlieben aufhalten wird. Wir können unseren Handlungen, bevor wir sie begehen, einen Sinn verleihen, der erst nach dem von uns herbeigeführten Ereignis in dem dann vorliegenden Resultat erfüllt ist. Wir sind in der Lage, einen Sinn vor die Tat zu setzen. Wir können die Dinge vom Ende her denken. Das können wir sehr gut, weit besser als alle anderen Lebewesen. Das macht uns der Welt – wenigstens arterhaltend effektiv – überlegen.

Die Abläufe der unbelebten Natur hingegen sind völlig ohne Sinn – in dem Sinne, dass sie nicht teleologisch sind und kein Ziel verfolgen. Kein Vulkan bricht aus, weil er ein bestimmtes Ziel hat. Kein Regenschauer prasselt nieder, damit Pflanzen wachsen. All das passiert, weil es Ursachen gibt, aber die Wirkung, die erzielt wird, ist in den Ursachen nicht als Motiv zu finden, sie ist von niemandem beabsichtigt. Die Abläufe der Welt geschehen vom Anfang her und streben nicht auf ein vorher formuliertes Ziel zu. Das macht uns Menschen die Welt sehr fremd – weil wir gewohnt sind, vom Ende her zu denken.

Es ist uns unbehaglich, in einer Welt zu leben, in der uns verheerende Dinge wie Sturmfluten, Dürren, Muren oder Erdbeben zustoßen können. Also Teil einer Welt zu sein, die uns in vielen Bereichen mindestens so überlegen ist, wie wir es in einigen von uns kontrollierten Bereichen der Natur gegenüber sind. Wenn wir Menschen über Teile der Natur Macht ausüben können, weil wir in dem, was wir tun, einen Sinn und Zweck verfolgen, dann kann doch nicht das, was über uns Macht ausübt, völlig sinn-, ziel- und grundlos geschehen. Wenn man die Abläufe der Welt so sehr vom Ende her denkt, wie wir es als Menschen gewohnt sind, dann tappt man in eine grandiose Denkfalle, in der logische Konsistenz nur unter Einführung mutwillig formulierter Zusatzgrößen aufrecht zu erhalten ist.

Nun scheint die Vorstellung, dass es beim Glauben um logische Konsistenz geht, auf de ersten Blick vermutlich seltsam. Aber Religion hat unter anderem die Aufgabe, als Gruppenkleister zu dienen, also einen Satz von Vorschriften darzustellen, der unhinterfragbar für alle gilt, die der Gruppe angehören, und der Stabilität gewährleistet. Das, was nicht hinterfragt werden darf, muss so gestaltet sein, dass es nicht in jeder zweiten Behauptung ganz offensichtliche Fehler aufweist. Das, was unter keinen Umständen aufrechterhalten werden kann, fliegt irgendwann raus, und das, was wenigstens einigermaßen vertretbar ist, bleibt. Dass logische Konsistenz tatsächlich wichtig ist, zeigt sich in der Denkfigur des „unergründlichen Ratschlusses des Herrn“. Das ist der Joker, der sticht, wenn die Ereignisse in der Welt den Behauptungen über die Barmherzigkeit des Gestalters dieser Welt zuwiderlaufen. Damit wird die Konsistenz wiederhergestellt.

Und da wir auf logische Konsistenz angewiesen sind, aus individuellen Gründen und auch aus Gründen der Gruppenstabilität, sind wir bereit, das, was die Gruppe als jeweilige Zusatzgröße behauptet, zu akzeptieren.

Das Phänomen des Glaubens hat sicher nicht nur eine Grundlage. Es gibt da zum einen das, was im Einzelnen passiert, und dann auch noch eine soziale Komponente. Das, was das Glauben in und mit einer Gruppe anstellt.

Wir Menschen sind kognitiv sozusagen übermotorisiert. Folgender Vergleich kann das veranschaulichen: Jedes Gnu kann ziemlich schnell laufen. Aber die wenigsten Gnus müssen in ihrem Leben jemals so schnell laufen, wie sie theoretisch könnten. In einer Herde von ein paar tausend Tieren genügt es, sich nicht in unmittelbarer Nähe eines Räubers aufzuhalten, um den Angriff zu überleben. Die Gnus, die in Reichweite des Jägers sind, müssen laufen, und von denen überleben die schnellsten Läufer – und diese haben dementsprechend auch irgendwann Nachwuchs. Es gibt in jedem Gnu motorische Reserven, die die Erfordernisse des täglichen Lebens weit übersteigen.

Was uns Menschen erfolgreich macht, ist nicht die Schnelligkeit, sondern das Hirn. Und auch unser Hirn hat Reserven, die über dem liegen, was die Bewältigung des Alltags erfordert. Ein Hirn, das mit dem Bewerkstelligen des Normalfalles deutlich an seine Leistungsgrenzen geriete, so ein Hirn würde im unvermeidlichen Ausnahmefall vernichtend scheitern. Also können wir kognitiv mehr, als wir die meiste Zeit müssen.

Nun ist das Hirn aber ein ruheloses Ding. Das Hirn liegt nicht gern brach. Das liegt in seiner Funktionsweise begründet. Ein Gnu kann auch mal rasten und das Laufen sein lassen, aber das Gehirn kann seine Tätigkeit nicht einstellen. Das, was das Gehirn in sich anstellt, das ist ein Selbstläufer. Das Hirn will denken. Und das Hirn verfolgt beim Denken zwei Ziele, die nicht durchgehend miteinander vereinbar sind. Zum einen will es Erkenntnis, ist also auf der Suche nach neuen Informationen; und zum anderen will es diese neuen Informationen bevorzugt auf bekannte Muster zurückführen. Was uns nämlich besonders unangenehm ist, sind Widersprüche und Leerstellen in unserem Weltbild. Der Mensch ist zwar mit einem hervorragenden Gehirn ausgestattet, aber er ist kein reines Kognitionsaggregat. Was sogar die hartleibigsten Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler antreibt, ist, dass sie wissen wollen, wie das, was sie untersuchen, funktioniert. Das Wollen und das gute Gefühl beim Dann-Wissen, das sind ganz wesentliche Motive. Eine Leerstelle im Wissbaren gefüllt oder einen Widerspruch gelöst zu haben, ist einfach ein gutes Gefühl. Ohne diese emotionalen Komponenten bei der Erforschung des noch Unbekannten gäbe es keine Forschung. Doch die Gewichtung, wie sehr das Erkennen dem Aha-Gefühl übergeordnet ist, ist nicht bei allen Menschen gleich – und hier liegt ein Knackpunkt.

Erkenntnis wird in verschiedenen Ebenen des Gehirns verhandelt. Das ist natürlich jetzt nicht wörtlich zu verstehen, als handelte es sich um tatsächliche Stockwerke in einem Gebäude, aber die Funktionsweise lässt sich in Bildern von Ebenen leicht und zutreffend darstellen. Also: Auf einer Ebene findet die Erkenntnis statt. Eine Ebene darüber freut man sich. Und noch eine Ebene drüber wird diese Freude betrachtet und vor allem erlebt, da wird das Aha-Erlebnis gefeiert – und zwar, und das ist entscheiden, ohne die eigentliche und zugrunde liegende Erkenntnis zu berücksichtigen. Auf Ebene drei gibt es nur das Aha!-Gefühl – es wird das Gefühl der zweiten Ebene betrachtet, und das, was dieses Gefühl hervorgerufen hat, ist nicht mehr wichtig.

Erschreckenderweise ist es möglich, dass dabei eine Ebene übersprungen wird. Nämlich die, in der die Erkenntnis je nach ihrem tatsächlichen Gewicht mehr oder halt weniger zur Freude gereicht.

Es kann also passieren, dass eine völlig belanglose Kenntnisnahme eines komplett unwichtigen Sachverhalts direkt in die oberste Juhu-Ebene gelangt, dort nicht mehr sachlich-fachlich auf ihren Gehalt überprüft, sondern gleich als großartige Erkenntnis abgefeiert wird. Entscheidend ist: Das, was dort oben ankommt, muss für gewöhnlich vorher die Überprüfung durchlaufen haben, ob es sich wirklich um eine bedeutende Erkenntnis handelt – in dem Moment, wo es oben ankommt, wird es somit also nicht noch einmal auf seinen Gehalt hin getestet, sondern es wird vorausgesetzt, dass alles, was es nach oben schafft, etwas ganz Tolles sein muss, denn sonst wäre es ja nicht bis dorthin gekommen.

Ein Mensch, dem das widerfährt – dass also die Überprüfungsebene übersprungen wird und die Erkenntnis direkt in die große Feierhalle rutscht – so ein Mensch fühlt sich dann tatsächlich im Besitz grandioser Wahrheiten. Nun sind wir Menschen als soziale Wesen mit bestimmten Mechanismen ausgestattet, die uns helfen, Gruppen zu konstituieren und zu festigen. Einer dieser Mechanismen ist, andere zunächst einmal ernst zu nehmen. Und zwar nicht auf eine kognitiv-emotionsbereinigte Art, indem wir das Gesagte als überprüft und somit wahr voraussetzen. Sondern wir erkennen die inneren Zustände des Sprechenden emotional, also eher unkritisch an, und wir unterstellen gutwillig, dass das, was wir an dem, der da spricht, beobachten, schon seine Berechtigung haben wird. Mit anderen Worten: Wer im eigenhirnvorgetäuschten Feuertaumel großer Erkenntnisse und tiefer Wahrheiten spricht, findet seine Hörerschaft.

Dabei kommt es zu Selbstverstärkungseffekten, indem der Zustand, in den die Mitglieder der Hörerschaft dabei geraten, auf die benachbarten Mitglieder einwirkt. Kognitiv Wissbarem ist in einer Gruppe leichter zu widersprechen als emotional Geglaubtem. Aber das Konformitätsexperiment von Solomon Asch hält ihr eine wesentliche Beobachtung bereit: Wenn man Probanden zwei Linien zeigt – eine davon deutlich kürzer als die andere – und sie dann mit einer Gruppe konfrontiert, die voller Überzeugung behauptet, die beiden Linien seien gleich lang, dann werden drei Viertel der Probanden unter dem Eindruck des Gruppendrucks am Ende ebenfalls die Mehrheitsmeinung vertreten und die beiden Linien für gleich lang halten. Und je größer die Gruppe ist, die die Falschbehauptung aufstellt, umso geringer ist der Anteil derer, die sich dagegen stellen und auf dem Offensichtlichen bestehen.

Der Mensch ist sehr geneigt, eigene Ideen und sogar Wahrnehmungen zu opfern, wenn er sich dadurch einen Platz in einer Gruppe sichert. Wenn also eine Gruppe etwas behauptet, was nicht so klar nachmessbar ist wie die Länge von Linien, sondern erstens unüberprüfbar ist und zweitens emotional aufgeladen vorgetragen wird, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemand die Auseinandersetzung sucht und dem Vorgetragenen widerspricht. Zumal die Mitglieder dieser Gruppe an ihre Behauptung weit mehr knüpfen als den bloßen Inhalt des Gesagten – ihr Selbstbild und ihre Identität hängen daran. Ab diesem Punkt braucht es den ersten Propheten, in dessen Hirn die Überprüfungsebene von der Erkenntnis übersprungen worden ist, nicht mehr. Das Phänomen trägt sich von jetzt an selbst.

Eine Idee muss, um erfolgreich zu sein, ja nicht richtig sein. Erfolgreich heißt, diese Idee wird von vielen Menschen getragen. Eine solche Idee muss leicht darstellbar sein, und sie muss klare Strukturen vorgeben. Am erfolgreichsten ist dabei eine glatte Dichotomie. Komplizierte Kaskaden von nicht deutbaren Fakten sind da nix. Gut-Böse. Richtig-Falsch. Das ist eine übersichtliche Trennung, die auch noch das Angebot beinhaltet, gut zu sein und sich dementsprechend zu fühlen.

Außerdem hilft es einer Idee, erfolgreich zu sein, wenn darin auf ein Geheimnis verwiesen wird. Dieses Geheimnisses wird man schon dann teilhaftig, wenn man nur um seine Existenz weiß. Worin es genau besteht, wird von den wenigsten genau erforscht. Es genügt, wenn man im Gespräch darauf verweisen kann, um sich als Teil eines Kreises von Auserwählten zu fühlen, und es enthebt auch der Verpflichtung, im Gespräch darauf näher einzugehen. Schließlich ist man ja Geheimnisträger.

Was Ideen darüber hinaus erfolgreich macht, ist, wenn sie keine Fragen offen lassen. Dass es dabei kaum brauchbare Antworten gibt, liegt in der Tatsache begründet, dass es eben nur eine einzige Idee ist, die alles mögliche erklären soll. Beim Allermeisten muss sich eine einzelne Idee drüber oder dran vorbeischwindeln. Aber wer sich bei Gut-Böse oder Richtig-Falsch einmal eingelassen und sich ordnungsgemäß bei Gut positioniert hat, wird den Antworten aus diesem Bereich unüberprüft Gültigkeit attestieren, gleich wie verwaschen sie ausfallen. Dabei wird ein möglicher Erkenntnisgewinn, den man aus diesen Antworten beziehen könnte, dem Gefühl, zu den Guten zu gehören, deutlich untergeordnet. Es geht da nicht um die korrekte Beschreibung von Sachverhalten oder von Wirkmechanismen, sondern um die Gewissheit, sich aus der richtigen Quelle zu nähren.

Daran machen Gläubige ihr Selbstbild fest. Und das bringt einen Punkt ins Spiel, der massiv zum Phänomen des Glaubens beiträgt. Glauben besteht ja nicht nur aus dem einmaligen Entschluss, zu glauben. Sondern vom Moment des Entschlusses an wird durchgehend weiter geglaubt. Das sieht zwar nach einigem kognitiven Aufwand aus, aber nur, wenn man das Ganze von außen betrachtet. Alles über den Kamm des Unbewiesenen zu scheren, damit das Unbewiesene Gültigkeit behält, ist echt mühsam. Aber wer einmal glaubt, hat wesentliche Teile von dem, was er für sich selbst ist, in den Glauben gegossen, und ist somit hochmotiviert, das Geglaubte aufrecht zu erhalten. Auf dem Spiel steht da nicht so sehr das Geglaubte, sondern die Identität des Gläubigen. Religion besteht zu einem wesentlichen Teil aus Menschen, die ihr Ich verlören, wenn sie sich als falsch erwiese.

Hinterlasse einen Kommentar

Twitter Widget
  • Liebes Internet! 2020 war kein schönes Jahr. Aber vielleicht geht es ja noch gut aus. Zumindest für uns, denn die S… https://t.co/mZ8vNIVKML

    09:31 AM Dec 09