Muss man beim Sport sehr viel mehr Abstand halten um sich nicht mit dem Coronavirus anzustecken?

„Wir müssen, was die Empfehlungen betrifft ein bisschen nachschärfen. Auch wieder nicht unlogisch, vom Hausverstand her. Wenn richtig ist, das circa 1,5 Meter der Abstand zwischen zwei stehenden Menschen ist die miteinander sprechen, dann ist es nicht unlogisch beim Laufen in der Reihe, ich rede jetzt nur von Windschattenphänomene, wenn man hintereinander läuft, das hier ein wesentlich größerer Abstand zu halten wäre und die Universitäten von Leuven und Eindhoven haben hier eine Studie gemacht die hier auch entsprechende Distanzen umrechnet. […] Dann würden wir auf Empfehlungen kommen die bei schnell Gehen auf 4 bis 5 Meter kommen würden und bei schnell Laufen auf 10 Meter. Das beruht auf verschiedenen Umständen; die die sportliche Aktivität betreiben haben ein anderes Ausatemverhalten; der vordere und der hintere ein anderes Einatmenverhalten und deshalb kommen hier solche Empfehlungen zustande. Beim Fahrradfahren im Windschatten mit etwa 30 km/h würden diese Empfehlungen auf 20 Meter laufen. Ich wollte das nur einmal erwähnen, das ist immerhin eine Studie von zwei Universitäten, damit wir uns das jetzt nicht nur aus den Fingern lutschen. Die Idee dahinter ist schon auch, wenn wir schon propagieren mehr sportliche Aktivitäten zulassen zu wollen, das wir immer auch selber den Hausverstand einschalten. Was hilft da im übrigen: diagonal versetzt laufen. […] rechtzeitig ausscheren [beim Überholen]. […] Also diagonal versetzt ist schon die meiste Lösung des Problems.“

Das hat der Vizekanzler und Sportminister von Österreich, Werner Kogler, in einer Pressekonferenz am 15.4. 2020 (ORF III, 11 Uhr) zur Ausübung von Sport im Freien gesagt. Wer läuft oder radfährt muss sehr viel mehr Abstand zu anderen Leuten halten als die bisherige Abstandregelung gefordert hat und diese Empfehlung habe sich niemand „aus den Fingern gelutscht“, sondern basiert auf einer Studie zweier Universitäten.

Stimmen hier also ausnahmsweise einmal Hausverstand und Wissenschaft überein? Ja. Und Nein. Der Hausverstand hat recht wenn er fordert, dass Abstand gehalten werden soll, um sich nicht mit dem Coronavirus anzustecken. Je mehr Abstand desto besser. Was die Wissenschaft angeht ist die Lage allerdings deutlich unklarer. Eine „wissenschaftliche Studie“, die das spezielle „sportliche Atemverhalten“ in Bezug auf die Infektionsgefahr untersucht, existiert nicht.

Was existiert ist ein Aufsatz von Bert Blocken, der tatsächlich Professor an der Universität Eindhoven in den Niederlanden ist. Mit an dem Text geschrieben haben auch Leute von der Universität Leuven in Belgien und der ebenfalls belgischen Softwarefirma Ansys. Blocken selbst ist aber weder Virologe noch Mediziner, sondern Professor für Bauingenieurswesen, was auch das Fachgebiet der restlichen Autoren des Artikels ist. Seine Arbeit über die empfohlenen Abstände beim Laufen und Radfahren hat er auf in der Wissenschaft sehr unkonventionelle Weise verbreitet: Über ein Interview mit einer belgischen Zeitung und per Twitter. In den Tagen danach wurde der Aufsatz auch im Internet publiziert. Das bedeutet, dass die Arbeit keinen sogenannten „peer review“ durchlaufen hat, also eine Begutachtung durch Expertinnen und Experten, was eigentlich Standard in der Wissenschaft ist, bevor man einen Artikel irgendwo publiziert.

Das alles muss nicht zwingend darauf hinweisen, dass auch der Inhalt der Arbeit schlecht ist. Viele Forschungsarbeiten werden derzeit vorab und ohne peer-review veröffentlicht. Die Dinge ändern sich derzeit schneller als dass die eher behäbigen Prozesse des Wissenschaftsbetriebs mithalten können. Trotzdem ist das aber noch kein Grund, die wissenschaftliche Sorgfalt zu ignorieren. In solchen Fällen braucht es vermehrte Aufmerksamkeit bei der Beurteilung der Arbeit; ganz besonders dann wenn man konkrete politische Maßnahmen aus ihr ableiten möchte. Tatsächlich ist das was Blocken und seine Kollegen untersucht haben vor allem eine ihrer Expertise entsprechende ingenieurstechnische Arbeit. Man hat darin die Aerodynamik von LäuferInnen und RadfahrerInnen analysiert. In einem Windtunnel wurden Messungen angestellt die zeigen, wie die Luft um Menschen herum fließt, die entsprechende Bewegungsabläufe absolvieren – in Abhängigkeit der Geschwindigkeit mit der sie unterwegs sind. Im aerodynamischen Modell wurde ein Art Sprühdüse verwendet, um Wassertropfen zu verteilen und zu schauen, wie sie sich um die sporttreibenden Menschen verteilen. Das alles wurde auch noch mit Computersimulationen kombiniert, die die Verteilung von Flüssigkeitströpfen aus dem Sportleratem beschreiben.

Das Ergebnis: Wer läuft oder radelt zieht quasi eine Tröpfchenspur hinter sich her, und wenn man es vermeiden möchte sie zu kreuzen, dann muss man einen entsprechend großen Abstand halten. Das gilt nur für das hintereinander laufen oder radeln; in seitliche Richtung breiten sich die Tropfen nicht so stark aus. Wenn kein Wind geht auf jeden Fall, aber den Einfluss von Wind hat die Arbeit nicht untersucht.

Dass der Wind ignoriert wurde ist eine der Schwächen dieser Forschungsarbeit. Die andere ist der fehlende medizinische und virologische Kontext. Dazu hätte man nicht nur untersuchen müssen, wie sich Tröpfchen aus der Atemluft beim Sport ausbreiten. Sondern sich fragen müssen, wie die Chancen stehen, dass man durch diese Tropfen auch mit dem Coronavirus infiziert wird. Und darüber kann die Arbeit von Blocken und seinen Kollegen nicht viel Nützliches sagen. Man weiß, dass man sich anstecken kann, wenn man das Virus durch Niesen oder Husten verbreitet. Ob es auch durch die reine Atemluft übertragen werden kann, ist Gegenstand aktueller medizinischer Forschung. Und auch wenn Coronaviren tatsächlich durch den Atem des einen laufenden Menschen auf eine dahinter laufende Person übertragen werden können, folgt daraus nicht auch sofort dass man sich infiziert hat. Viren halten sich unterschiedlich lange auf unterschiedlichen Oberflächen und nicht alle Viren, die (wenn es denn passiert) ausgeatmet werden, sind noch infektiös, wenn sie irgendwo anders ankommen. Vor allem braucht es eine ausreichend große Menge an Viren um infiziert zu werden. Wie groß die exakt ist und von welchen Voraussetzungen die für eine Ansteckung nötige Menge im individuellen Fall abhängt, ist medizinisch ebenfalls noch nicht geklärt.

Dazu kommt noch, dass die wenigsten Menschen, die Sport betreiben, so atmen wie in der Simulation und ihre Luft per Düse verteilen. Die echten Expertinnen und Experten in Sachen Viren sind daher auch nicht sonderlich begeistert von Blockens Arbeit. William Hanage, Professor für Epidemiologie in Harvard nennt die Arbeit „gefährlich“ und „nicht sonderlich nützlich“. Jennifer Kasten, Ärztin an der Universität Washington und einem Abschluss zum Thema „Kontrolle von Infektionskrankheiten“ kritisiert ebenfalls, dass keinerlei Aussagen und Experimente über die tatsächlich übertragende infektiöse Virendosis gemacht werden.

Blocken und seine Kollegen haben selbstverständlich recht wenn sie darauf hinweisen, dass sportreibende Menschen eventuell einen größeren Abstand voneinander halten sollten als man es tun würde, wenn man einfach nur rumsteht. Ihre Arbeit ist aber nicht geeignet, Grundlage irgendwelcher konkreten Handlungsanweisungen für die Bevölkerung zu sein. Dazu ist sie zu wenig umfassend, ignoriert zu viele absolut relevante medizinische Daten und sollte so oder so erst das übliche Begutachtungsverfahren durchlaufen, bevor man seriös darüber diskutieren kann, was sie uns über die Infektionsgefahr beim Sport sagen kann (bzw. ob sie überhaupt etwas dazu sagen kann).

Aber wie das eben so ist mit spektakulär klingenden Nachrichten aus der Wissenschaft hat sich auch diese schon zu weit verbreitet, als das man hoffen könnte, sie noch einer nüchternen Analyse zu unterziehen. Vor allem dank der sehr spektakulär aussehenden Grafiken von Menschen die Partikelspuren (Viren!!) hinter sich her ziehen, wurde sie von den Medien begeistert aufgenommen. „Horrifying simulation reveals the dangers of jogging during the coronavirus pandemic“ hat zum Beispiel die Daily Mail in Großbritannien getitelt – was durchaus tragisch ist. Denn abgesehen von den positiven Effekten auf die Psyche und das allgemeine Wohlbefinden, die die sportliche Betätigung gerade jetzt hat, wo wir ansonsten am besten nur zuhause rumsitzen sollen, ist Sport (vernünftig und den eigenen Fähigkeiten und dem eigenen Gesundheitszustand angemessen) natürlich auch gut für das Immunsystem. Und wenn man aktuell etwas wirklich gut gebrauchen kann, dann ist es ein gut funktionierendes Immunsystem!

Indoor Laufen ist aus Seuchensicht gerade besonders schlecht…
(„Science Busters – Wer nichts weiß muss alles glauben“, „The Power of Lauf.“ Foto: ORF/Gebhardt Productions/Hubert Mican.)

Wer Sport treibt soll es damit nicht übertreiben; das gilt immer egal ob gerade eine Pandemie herrscht oder nicht. Wer früher nicht in der Lage war einen Marathon zu laufen, sollte jetzt nicht damit anfangen. Und wer noch nie ein Rennrad besessen hat, sollte nicht unbedingt jetzt anfangen damit die Landstraßen entlang zu sausen. Sportverletzungen kann man nie brauchen und jetzt schon gar nicht. Aber Sport ist gesund. Man muss halt – um den österreichischen Vizekanzler doch noch einmal recht zu geben – den Hausverstand benutzen. Und die Virologinnen und Virologen ihre Arbeit machen lassen. Politische Entscheidungen sollten auf verlässlichen wissenschaftlichen Daten basieren. Und auch ein Vizekanzler kann sich von Expertinnen und Experten beraten lassen, bevor er Gefahr läuft Studien falsch zu interpretieren.

Ansonsten gilt das, was eh schon immer gegolten hat. Abstand halten, auch beim Sport. Man muss nicht unbedingt in dichten Menschentrauben durch die Straßen traben; keine Gruppenausfahrten mit dem Fahrrad machen. Und nicht dann und dort Sport treiben, wo es alle anderen auch tun, sondern vielleicht nach Lauf- und Radstrecken suchen, die nicht schon von hundert anderen benutzt werden. Und muss auf jeden Fall keine Angst davor haben, dass sporttreibende Menschen ihre Viren wie ein losgelassener Gartenschlauch durch die Gegend spritzen.

2 Comments

  1. wirklich super zusammengefasst, Gratulation!

  2. Danke! Ich mag fundierte Statements! 🙂

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